Chapter Text
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Sammy. „Können wir noch woanders etwas herausfinden?“
Alea schüttelte den Kopf. „Wenn vor fünfzehn Jahren niemand etwas über meine Mutter in Erfahrung bringen konnte, wird uns heute wohl auch keiner etwas Neues erzählen können.“
„Sie hat dir gesagt, an welchem Strand das damals passiert ist“, warf Lennox ein.
Alea nickte. „Ja, das stimmt. Am Südstrand.“
„Na, dann gucken wir uns den Südstrand doch mal an“, schlug Ben vor.
Da niemand eine bessere Idee hatte, machten sie sich auf den Weg. Frustriert dachte Alea darüber nach, wie viel sie sich von diesem Besuch bei dem Jugendamt erhofft hatte. Wie wenig dabei herumgekommen war. Nur, dass sie damals nicht das einzige Kind gewesen war. Eigentlich war es lächerlich, jetzt zu dem Strand zu gehen, denn nach so langer Zeit würde der ihr auch nicht mehr über den Verbleib ihrer Mutter verraten können.
Wenig später erreichten sie den Südstrand. Er war ebenso schön wie der, an dem sie mit der Hercules angekommen waren. Prompt ließ sich Ben in den feinen Sand fallen, der Rest der Alpha Cru setzte sich daneben.
Nachdenklich atmete Alea die salzige Luft ein und ließ ihren Blick über die Dünen schweifen. Hier hatte alles angefangen, irgendwo hier hatte ihre leibliche Mutter sie vor fünfzehn Jahren an Marianne übergeben.
Da entdecke Alea etwas am Ende des Strandes. Irgendetwas… lag dort. Etwas Großes, Schwarzes, das sie zwischen den Strandkörben nicht richtig erkennen konnte. Fragend deutete sie auf die Stelle.
„Da ist was angeschwemmt worden“, sagte Ben. „Ein Wagen der Küstenwache steht daneben.“
Alea erhob sich. Drei Männer und eine junge Frau waren zu sehen. Offenbar untersuchten sie das große, unförmige Etwas, das mindestens fünf Meter lang sein musste. „Was kann das denn sein?“, murmelte sie. „Ein Boot?“
„Lasst uns doch mal rübergehen“, sagte Sammy. „Strandgut ist immer spannend.“
Also stapften sie los. Während sie sich dem angeschwemmten Etwas näherten, überkam Alea ein mulmiges Gefühl. Es begann als dumpfes Ziehen in ihrem Bauch und wurde mit jedem Schritt stärker. Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Sie ging schneller und schneller, bis sie schließlich fast auf das Ding zu rannte.
Dann erkannte sie es.
Im Sand lag ein Wal. Ein Orca.
Deutlich erkannte sie die herzförmige Narbe auf seiner Stirn und beim Anblick war es, als rammte ihr jemand einen Dolch mitten in ihr eigenes Herz.
Als sie aufschrie, war Lennox sofort bei ihr. „Was ist los?“
„Das ist der Wal“, flüsterte sie erstickt. „Mein Wal.“
Die anderen blickten sie mit betroffenen Gesichtern an. Alea schlug die Hände vors Gesicht, von Schuldgefühlen übermannt. Etwas in ihrem Inneren sagte ihr, es wäre ihre Aufgabe gewesen, den Tod des Wals zu verhindern.
Wie automatisch stand sie auf und rannte zu dem Orca hin, die anderen folgten ihr. Der Blick aus seinen toten Augen ging ihr durch Mark und Bein.
Die Blicke der vier Personen beim Wal ignorierte sie erst, doch dann sagte einer der Männer etwas auf Holländisch zu ihr.
„Wir sollen weitergehen“, übersetzte Ben und fasste Alea am Arm. Diese ließ sich ein Stück weit mitziehen, sank hinter einem Strandkorb allerdings wieder in den Sand. Sie konnte doch nicht einfach fortgehen! Schluchzend vergrub sie das Gesicht zwischen ihren an den Körper gezogenen Knien.
„Was reden die Leute denn?“, fragte Tess mit einem Blick um den Strandkorb. Ben und Sammy lauschten einen Moment lang.
„Zwei Männer sind von der Küstenwache“, erklärte Ben leise. „Der andere scheint ein Tierarzt zu sein. Und das Mädchen redet so, als wäre sie auch nur zufällig vorbeigekommen.“
„Anscheinend hat der Wal zu viel Plastikmüll geschluckt“, fügte Sammy flüsternd hinzu.
„Oh, jetzt öffnen sie gerade den Bauch des Wals“, sagte Ben. „Wahrscheinlich wollen sie Proben entnehmen.“
Während die anderen vier nun neugierig um die Ecken des Strandkorbes spähten, blieb Alea wo sie war. Auf keinen Fall wollte sie sehen, wie man den Bauch ihres Wals öffnete.
Plötzlich schnappte Lennox nach Luft. „Was ist das?“
„Was meinst du?“, fragte Ben.
„Die Kugel da!“
„Oh, war die im Bauch des Wals?“
„Das musst du dir ansehen“, raunte Lennox Alea zu. Etwas in seiner Stimme ließ sie aufstehen und neben ihn treten. Vorsichtig schaute sie um die Ecke; prompt wurde ihr übel. Auf dem Sand lag jede Menge glibberiges Zeug, halb verdauter Fisch und erschreckend viel Müll. Aber dazwischen… eine kleine schillernde Glaskugel.
Alea schärfte ihren Blick. Irgendetwas …war in der Kugel. Sie riss die Augen auf.
„Da steht etwas drin!“
„Meinst du wirklich?“, fragte Ben irritiert.
Aber Alea war sich sicher. „Doch, da steht etwas!“
„Ich hole sie“, sagte Lennox und lief los.
„Ist er verrückt? Die werden ihn noch entdecken und uns alle wegscheuchen!“, rief Sammy entgeistert.
„Ich glaube nicht, dass das passieren wird“, murmelte Alea und beobachtete, wie Lennox sich im Schutz des riesigen Walkörpers anschlich. Sobald er die Kugel aufgehoben hatte, kam er zum Strandkorb zurück.
Alea wollte ihn schon verschmitzt anlächeln, da passierte das Undenkbare.
„What the hell do you think you're doing?“ Das Mädchen hatte ihn bemerkt und kam nun hinter ihm hergerannt, bis sie ebenfalls den Strandkorb erreicht hatte, und riss den sichtlich irritierten Lennox an der Schulter herum. Während Ben, der genervt schien, als hätte er bereits damit gerechnet, vortrat und beschwichtigend auf das Mädchen einredete, konnte Alea nur sprachlos danebenstehen.
Lennox war für normale Menschen unsichtbar, sagte sie sich wieder und wieder. Hatte einer von ihnen versehentlich auf ihn aufmerksam gemacht? Doch der Tierarzt hatte ebenso in Sichtweite gestanden. Wie also hatte nur das Mädchen ihn gesehen?
Während Ben und Lennox ebendieses Mädchen abzuwimmeln versuchten, nahm Sammy letzterem die Kugel ab, die er bislang hinter dem Rücken versteckt hatte. Vorsichtig wischte Sammy die Glaskugel mit seinem Oberteil sauber.
„Schau mal, Schneewittchen, das ist eine Schneekugel“, flüsterte er und hielt ihr unauffällig das Ding hin. Alea, die so mit dem Mädchen beschäftigt gewesen war, dass sie das Fundstück schon fast wieder vergessen hatte, nahm es wie automatisch an sich, bevor sie seine Worte ganz verarbeitet hatte. Aber tatsächlich, es war eine Schneekugel, wie man sie oft in Souvenirläden sah. Eine kleine Miniaturlandschaft war darin abgebildet – ein von grünen Hügeln umrundeter See – mit silber-grünem Konfetti, das darüber hinabregnete.
Sie drehte die Kugel, was noch mehr Regen über die wiesengrünen Hügel im Inneren brachte. Da erstarrte Alea. Auf der Unterseite der Seelandschaft stand tatsächlich etwas geschrieben.
„Was ist los?“, mischte sich Tess von der Seite ein. „Du bist kalkweiß!“
Doch Alea kam nicht zu Wort. Das Mädchen hatte zwischen Lennox und Ben ebenfalls einen Blick auf die Schneekugel erhaschen können und war in ihrer Streiterei abgebrochen. Mit zusammengezogenen Augenbrauchen schob sie die Jungen auseinander und stand kurz darauf direkt vor Alea.
„Kann ich mal sehen?“, fragte sie, aber Alea zog die Kugel instinktiv an sich.
„Du sprichst Deutsch?“, fragte Lennox perplex, der die letzten zwei Minuten damit verbracht hatte, auf Englisch auf sie einzureden.
„Ja klar, ich bin Hamburgerin“, erwiderte sie nur und beugte sich vor, um doch noch einen Blick auf die Kugel werfen zu können.
Zögerlich streckte Alea ihren Arm wieder vor und drehte die Kugel so, dass man die Schrift klar und deutlich sehen konnte.
„Also ich seh‘ da nichts“, meinte Sammy verwirrt. Tess schüttelte ebenfalls den Kopf.
Lennox sah mit bohrendem Blick auf die Kugel. „Doch, da steht was.“
Alea griff vor Aufregung nach seiner Jacke. „Du kannst das sehen?“
„Do we have a problem here?”, unterbrach sie eine Stimme. Alea zuckte zusammen und versteckte die Kugel hinter ihrem Rücken. Die drei Männer waren dem Mädchen gefolgt!
Alea verstand nicht recht, was der Mann von der Küstenwache von ihr wollte, doch seine ausgestreckte Hand ließ nichts Gutes vermuten. Vehement schüttelte sie den Kopf. Der andere Mann seufzte.
„Ich werde diese Kugel um keinen Preis wieder weggeben“, zischte Alea. Lennox warf ihr einen Blick zu, schaute dann zu Ben, Tess und Sammy. Er schien innerlich mit sich zu ringen. Der zweite Mann schien jedoch am Ende seiner Geduld zu sein.
„This isn’t funny, give that thing back and then you kids will need to leave, you understand m-“
Noch bevor der Mann ausgeredet hatte, stand Lennox vor ihm. Versenkte seine azurblauen Augen in denen seines Gegenübers.
„You will forget that we were here and that we ever took something from that whale”, raunte er ihm zu. Augenblicklich wurde dessen Blick leer. Der Mann nickte und wandte sich ab. Lennox wiederholte dasselbe bei dem anderen Mann und dem Tierarzt. Die restlichen Cru-Mitglieder schauten ihm nur mit wachsendem Entsetzen zu. Wie automatisch stellte Lennox sich nun auch vor das Mädchen und wollte dieselben Worte wiederholen, da packte sie ihn plötzlich am Arm.
„Was zur Hölle wird das jetzt?“
Lennox war so perplex, dass er sie nur mit offenem Mund anstarren konnte.
Auch Alea klappte die Kinnlade herunter. Normale Menschen übersahen Lennox, ging es ihr wieder durch den Kopf. Doch sie hatte ihn entdeckt. Und Lennox konnte sie nicht vergessen lassen.
„Das ist vorher nur… bei dir passiert.“ Lennox blickte hilfesuchend zu Alea hinüber. Dann schnellte sein Blick wieder zu den drei Männern, die den Wal wieder erreicht hatten. Entgegen ihres Protests zog er also das Mädchen hinter den Strandkorb. Als sie alle vor den Blicken der Männer verborgen waren, ergriff Tess das Wort.
„Kann mir mal einer sagen, was das gerade war, Scorpio?“
„Er hat einfach die Männer verhext“, sagte Sammy mit kugelrunden Augen. Ben schüttelte nur fassungslos den Kopf.
„Ich kann Menschen… vergessen lassen. Indem ich es ihnen sage“, erklärte Lennox nach einer kurzen Pause des Überlegens, den Blick zwischen der Alpha Cru und dem Mädchen schweifend, die er noch immer am Arm gepackt hatte. Diese riss sich nun entschieden los. Wohl überrascht über ihre plötzliche Kraft schaute Lennox sie an.
„Na da bin ich ja in einen ganz tollen Haufen geraten“, murmelte sie gereizt. „Ein Junge, der Menschen vergessen lassen kann und Schneekugeln aus Walmägen klaut? Nicht gerade, wie ich mir meinen entspannten Abend am Strand vorgestellt habe.“
Die Art, wie sie über diese Sache sprach, irritierte Alea ein wenig. Vielleicht besaß dieses Mädchen aber auch nur einen eigenartigen Humor.
„Krass, wir haben einfach zwei magische Bandenmitglieder bei uns an Bord, eine Meerjungfrau und einen Krieger des Vergessens.“ Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen drehte sich Sammy um die eigene Achse.
„Meerjungfrau?“, hakte das Mädchen in einem Tonfall nach, als ob sie gleich auf dem Absatz kehrt machen und nach Hause gehen wollte.
Alea musterte das Mädchen indes unauffällig. Sammy hatte Recht, sie selbst war ein Meermädchen und nur bei ihr hatte Lennox‘ Vergessens-Trick nicht funktioniert. Könnte es also sein, dass dieses Mädchen so war wie sie?
Und tatsächlich, ein wenig sonderbar sah sie aus. Sie schien etwa Bens Alter zu sein, war noch blasser als Alea selbst und ihre Haare waren ebenso wie ihre dunkel. Nur die Augen waren anders, hellblau statt klargrün. Ihr Blick wanderte nach unten zu ihren Händen, doch dort waren keine Knubbel zu sehen. Wäre auch zu schön gewesen.
„Wie heißt du überhaupt?“, wechselte Alea das Thema. Knubbel oder nicht, wenn das Mädchen nur im Entferntesten wie Lennox und sie war, wollte sie mehr über sie erfahren!
„Lucy.“ Ihr Blick schweifte über die restlichen Mitglieder der Alpha Cru. Als diese sich alle vorgestellt hatten – inklusive Bandennamen –, lachte sie belustigt auf.
„Ihr habt wohl alle einen Narren an den Sternen gefressen“, stellte sie fest. „Kann ich euch aber auch nicht verübeln. Ich nehme mal an, Aquarius ist dann die Meerjungfrau?“
Alea nickte schüchtern. Es fühlte sich irgendwie nicht richtig an, diesem Mädchen einfach so alles über sich zu erzählen, und auch Lennox schien immer noch mit sich zu ringen, ob das alles eine gute Idee war. Doch er hatte kaum eine andere Wahl, vergessen lassen konnte er sie nicht.
„Ich glaube, da frage ich später nochmal nach. Jetzt will ich erst einmal diese Schneekugel sehen.“
Natürlich, die Schneekugel. Obwohl Alea sie die ganze Zeit über zwischen den Händen gedreht hatte, hatte sie sie schon fast wieder vergessen. Diesmal hielt sie Lucy die Kugel entschlossen hin. Aus der Hand geben würde Alea sie dennoch nicht.
„Also ich sehe da immer noch nichts.“ Sammy berührte die Kugel schon fast mit der Nasenspitze, als er diese Schlussfolgerung abgab. Lennox schob ihn beiseite und nahm die Schneekugel selbst unter die Lupe. Angestrengt blickte er darauf, als wäre die Schrift winzig klein, dabei sprang sie Alea regelrecht an und leuchtete sogar!
„Es ist ganz blass, wie ein Hauch… aber da steht definitiv eine Nachricht.“
„Ja, da steht etwas“, stellte auch Lucy fest.
Alea wurde heiß und kalt zu gleich. Sie war also wirklich nicht die Einzige! Und nicht nur Lennox konnte die Nachricht lesen, auch Lucy!
„Jetzt lies‘ schon vor!“ Ungeduldig zerrte Sammy an Aleas Ärmel.
Alea schluckte.
„Ihr, die dies lesen könnt, kommt nach Loch Ness.“
„Warte, du kannst das lesen?“, fragte Lucy irritiert. „Also ich kann zwar sehen, dass da etwas geschrieben steht, aber ich kann die Schriftzeichen nicht übersetzen.“
„Also ich kann keins von beidem, kriege ich jetzt ‘nen Keks? Das ist total unfair!“
„Kannst du einmal die Klappe halten, Draco?“ Tess versetzte dem Rotschopf eine Kopfnuss.
„Das muss in Wassersprache geschrieben sein“, murmelte Alea, ohne auf die beiden zu achten.
„Wassersprache? Okay, ich glaube ich hätte doch eher nach diesem Meerjungfrauen-Dings fragen sollen.“ Lucy kratzte sich überfordert am Kopf.
„Aber nach Loch Ness?“, kam Ben auf die Botschaft zurück. „Dann muss die Schneekugel im Magen des Wals ganz schön weit gereist sein.“
„Wir haben doch eh keine Pläne, wohin unsere Reise jetzt weitergehen soll“, meinte Alea unschuldig. „Oder weißt du zufällig etwas über eine Frau, die hier vor fünfzehn Jahren zwei Kinder abgegeben hat?“, fragte sie an Lucy gewandt.
Doch diese schüttelte nur den Kopf. „Ne sorry, ich bin hier ja selbst quasi nur im Urlaub. Aber ihr wollt jetzt ernsthaft nach Loch Ness?“
„Wenn mir eine Schneekugel in einem Wal auf dem Strand, an dem mich meine Mutter als Baby abgegeben hat, sagt, dass ich nach Loch Ness reisen soll, dann würde ich das auch tun, wenn ich keine anderen Anhaltspunkte hätte“, meinte Tess trocken.
„Dann also auf nach Schottland.“ Lennox lächelte Alea hoffnungsvoll an. Alea lächelte zurück. Mit dieser Botschaft in der Schneekugel war es nun offiziell – auch Lennox‘ Schicksal hatte etwas mit dem Rätsel um ihre Mutter zu tun. Fand sie heraus, wo sie herkam, dann würde auch Lennox etwas mehr über seine eigene Herkunft erfahren. Ihr Blick wanderte zurück zu Lucy.
„Das ist jetzt vielleicht eine komische Frage, aber kennst du deine biologischen Eltern?“
Das Mädchen lachte nur. „Keine Sorge, ich habe am heutigen Tag schon wesentlich merkwürdigere Dinge als diese Frage erlebt. Aber ja, meine Eltern sitzen in Hamburg bei mir zuhause, wieso fragst du?“
„Aleas Mutter war bestimmt auch eine Meerjungfrau“, warf Sammy ein. „Vor allem, wenn sie sie hier an einem Strand abgegeben hat, da kam sie bestimmt direkt aus dem Meer.“
Alea horchte auf. So weit hatte sie noch gar nicht nachgedacht, aber das ergab ganz schön viel Sinn!
„Und vielleicht war meine Mutter ja auch magisch, so wie ich“, fügte Lennox hinzu. „Ich weiß nicht viel über sie, da sie uns verlassen hat, als ich noch ein Kleinkind war. Mein Vater hat nicht viel über sie geredet. Aber was, wenn sie auch diese Fähigkeiten hatte?“
„Dann können wir ja nur hoffen, dass ihr in Schottland mehr Antworten findet als hier in Renesse beim Jugendamt.“ Ben blickte nachdenklich zum Horizont.
„Und deine Eltern kann man nicht fragen?“, harkte Sammy an Lucy gewandt nach.
Diese biss sich auf die Unterlippe, dann sagte sie: „Ne, also, weder ich noch meine Eltern haben nur ansatzweise solche Fähigkeiten, da muss ich euch leider enttäuschen.“
„Auch keine Fälle von …Wasserallergie?“, fragte Lennox.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen schüttelte Lucy den Kopf. „Auch nicht.“
„Na dann bleibt uns wirklich nur noch Schottland.“ Alea seufzte. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die direkte Antwort auf all ihre Fragen ihr tatsächlich auf diesem Strand über den Weg gelaufen wäre.
„Und wie wollt ihr da mal eben so hinkommen?“, fragte Lucy.
„Mit unserem Segelschiff!“ In Sammys Stimme schwang nicht minder der Stolz mit.
„Wow, äh, ist da zufälligerweise noch ein Platz frei? Die nächsten Wochen sind bei mir unverplant und nach Schottland wollte ich sowieso schon immer. Abgesehen davon, dass eine ominöse Nachricht, die ich eigentlich nicht lesen aber sehen kann, mich eventuell auch dort haben will.“
„Na klar doch, wir nehmen immer gerne neue Cru-Mitglieder auf!“, sagte Sammy, bevor jemand etwas anderes behaupten konnte. Ben knuffte seinen Bruder nur in die Seite.
„Eigentlich entscheide ich das, schon vergessen?“ Sammy streckte ihm nur die Zunge heraus.
„Mit sechs Leuten wird das eigentlich ganz schön eng auf der Crucis…“, meinte Ben dann zu Lucy. „… aber theoretisch könnte auf der zweiten Couch noch jemand schlafen.“
Das reichte, um Sammy in ein Jubeln zu versetzen.
„Na dann hole ich mal meine Sachen aus dem Hotel.“ Alea meinte, ein sehr freudiges Lächeln auf Lucys Gesicht entdeckt zu haben, bevor sie es unter einer gelassenen Miene versteckte.
„Aber auf dem Weg erklärt ihr mir bitte nochmal in Ruhe, was das mit diesem Meerjungfrauen-Dings auf sich hat!“
